Bach-Philologie

Anders als bei der Matthäuspassion, die in einem vollständigen, von Bach selbst verfertigten Manuskript vorliegt (Download PDF Teil 1 (40 MB), Teil 2 (44 MB)), ist die Johannespassion nicht in einer „Fassung letzter Hand“ überliefert. Die Johannespassion wurde von Bach mindestens viermal aufgeführt: je einmal 1724 und 1725, einmal 1728 oder 1733, und ein letztes Mal 1749, im Jahr vor Bachs Tod. Außerdem existiert ein von Bach selbst verfertigtes Manuskript aus dem Jahre 1739, das allerdings nur die Nummern 1-10 enthält.

„Die“ Johannespassion als abgeschlossenes Werk gibt es also eigentlich gar nicht. Das Stück verändert sich ständig und wird den aktuellen Gegebenheiten angepasst. Da werden Arien eingefügt und wieder gestrichen, Teile der Matthäuspassion verwendet, Lautensoli (möglicherweise für einen reisenden Virtuosen?) geschrieben und wieder gekürzt, Chor- und Instrumentenstimmen geändert, Texte revidiert, dass der Überblick über die diversen Varianten für den Laien schnell verloren geht. Man darf nicht vergessen, dass Bach vor allem Gebrauchsmusiker war, der den Soundtrack für bestimmte Anlässe zu liefern hatte: jeden Sonntag eine Kantate im Gottesdienst, und am Karfreitag eben das Leben und Sterben unseres Herrn Jesu Christi. Zwei Jahre hintereinander dieselbe Passion war da nicht unbedingt gefragt. Am ehesten kann noch die unvollendete Revision von 1739 als kanonische Fassung gelten, aber die ist eben unvollendet und enthält nur ein Viertel des Gesamtwerkes.

Dies wirft die Frage auf, welche Fassung man zur Aufführung bringen will. Die musikwissenschaftliche Forschung, vom philologischen Geist der „Fassung letzter Hand“ beflügelt, hat diverse Ausgaben vorgelegt. Vorhandene Partituren und Einzelstimmen sowie die Partitur von 1739 werden kollationiert und verglichen, Unterschiede der einzelnen Fassungen herausgearbeitet, mit dem Ziel, entweder eine historisch-kritische Ausgabe  zu erstellen, die einen Überblick über alle Varianten enthält, oder eine sing- und spielbare Ausgabe, bei der man sich für die eine oder andere Fassung entscheiden muss. Hier war die Ausgabe von Peters lange Zeit der Standard, später wurde es die auf der Neuen Bach-Ausgabe beruhende Bärenreiter Urtext-Ausgabe.

Unser Plan war, statt einer nicht existenten „Endfassung“ die Stuttgarter Bach-Ausgabe der Fassung von 1749 zu verwenden, im Carus-Verlag erschienen. Die Fassung von 1749 gilt zwar nicht als „Fassung letzter Hand“ im philologischen Sinne – Musikwissenschaftler wenden ein, die Übernahme von Teilen aus früheren Fassungen und Streichungen anderer Stücke sei auf externe Umstände und nicht auf die künstlerische Intention (was immer die sei) zurückzuführen – aber immerhin gibt sie den Stand einer historisch nachgewiesenen Aufführung wieder. Insofern hätte es seinen Reiz gehabt, das Stück so aufzuführen, wie es tatsächlich einmal aufgeführt wurde, und nicht wie die Wissenschaft meint, dass es hätte aufgeführt werden sollen, wenn Bach kein praktischer Musiker gewesen wäre.

Die Carus-Ausgabe enthält im Anhang auch die Fassung von 1739, was sich in dem Moment als Glücksgriff erwies, da sich herausstellte, dass das Orchester die Bärenreiter-Ausgabe verwendet, die in den Nummern 1-10 mit Carus nicht konform geht. Nun singen wir diese Nummern aus dem Anhang und sind vielleicht weniger authentisch, aber kompatibel. Im Zweifel denken wir also praktisch wie Bach und folgen der allgemein bekannten 1739-Fassung.

Dass es bei so viel Fassungen schon mal zum Streit um ein Vorzeichen kommen kann, ist verständlich…